Vom weißen Fleck zur Inselkette – Rückblick auf das Sommercamp 2016

Seit mittlerweile drei Jahren findet auf der Kleinen Höhe bei Wuppertal ein besonderes Ereignis statt. Hier dürfen für jeweils zwei Wochen Menschen jeglicher Couleur beim Sommercamp zusammen kommen und kostenfrei gemeinsam Projekte verwirklichen und voneinander lernen. Auch dieses Jahr wieder war das Sommercamp ein großes Abenteuer, denn das Orga-Team hatte es sich zur Aufgabe gemacht, so viel Freiraum wie möglich in der Sommercamp-Landschaft offen zu lassen. Hoffnung war es, dass fleißige Entdecker sich die so entstandenen weißen Flecken dann kreativ erobern und das Camp selbst mitgestalten mögen. Ein spannendes Experiment mit spannenden Ergebnissen.

Zu dem Experiment kamen Individuen aus aller Welt: Syrien, die Niederlande, Russland, Amerika, England, Ägypten, die Schweiz, Frankreich und Spanien. Manche von ihnen kamen getrampt, andere hatten sich sogar auf das Fahrrad geschwungen – so wurde der ökologische Fußabdruck der Flugreisenden im Durchschnitt wieder etwas verkleinert. Den Rest der bunten Sommercamper-Mischung machten regional und aus dem Großraum Deutschland angereiste Besucher aus. Sie alle kamen zwischen dem 25. Juli bis zum 7. August auf das Gelände rund um die Silvio-Gesell-Tagungsstätte (SGT), um dort Workshops zu besuchen, am Lagerfeuer zu sitzen und zu arbeiten. Ja, arbeiten! Denn das Besondere am Sommercamp in Wuppertal ist: Hier zahlt man nicht mit Geld für die Teilnahme, sondern mit Muskelkraft und Engagement, und allerhöchstens freiwilligen Geld- oder Sachschenkungen für ein weiteres Gelingen. Architekt dieses schönen Gedankenkonstrukts im Sinne der Sharing Economy ist u.a. Andreas Bangemann. Gemeinsam stellen er und seine Frau Sieglinde das Gelände und die Räumlichkeiten für das Sommercamp zur Verfügung und machen so ein Zustandekommen möglich. Und das Schöne daran ist: Dieser Raum der Möglichkeiten rund um die SGT wird nicht etwa kleiner, sondern im Gegenteil immer größer.

Und zwar im wortwörtlichen Sinne. Im Vergleich zu den Vorjahren waren es 2016 mehr Orte, an denen die unterschiedlichen Projekte stattfinden konnten. Es gab z.B. mehr Zeltplätze, eine neue Küche, ein komplettes Haus – wenn auch noch mitten im Baustellenstatus – und einen multifunktionalen Carport für die Sommercamper. Entsprechend waren es gleich mehrere Herzpunkte oder Inseln, an denen man sich während des Sommercamps sammeln, austauschen und einbringen konnte. Am Schluss entstand so das Bild von nicht nur einem, sondern gleich mehreren Sommercamps oder einer Inselkette, zwischen denen die Besucher hin und her wandern konnten.

Eine der größten Inseln war wie schon in den vorherigen Jahren die historische und sich im Wiederaufbau befindliche Wuppertaler Freilichtbühne. Unterm grünen Blätterdach wurde hier tagsüber gemeinsam mit dem guten Geist der Bühne, Jonathan Ries, der sich seit nunmehr vier Jahren um die Wiederbelebung der WFLB bemüht, geschaufelt, gehackt und vermessen. Dieses Sommercamp bekamen die tüchtigen Bühnenbauer einen Tag lang sogar Hilfe aus Jurassic Park. Wie ein grasender Brachiosaurus jedenfalls wirkte der gigantische Schaufelbagger, der die Steine des dritten Ranges gezielt und fast schon zärtlich setzte und tonnenweise Erde von A nach B bewegte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, obwohl auch hier zu Anfang nicht klar war, was geschehen sollte. Würde man an den Rängen weiter bauen? Vielleicht die bereits gesetzten Steine mit Mosaiken verzieren? Oder an der Bühne weiter arbeiten? Tatsache ist, dass nun nach zwei Wochen Sommercamp und einer verlängerten Arbeitsphase direkt im Anschluss die bereits 80 Jahre Freilichtbühne fast wieder bereit ist für Freiwirte, Freidenker und Künstler dieser und der kommenden Zeit, da der Bühnenbereich so gut wie fertiggestellt wurde. Es muss nur noch – im wahrsten Sinne des Wortes – „etwas Gras über die Sache wachsen“, denn ein grüner Naturteppich soll den Bühnenboden nächstes Jahr bedecken, wenn es dann hoffentlich – Verzeihung, auch dieses Wortspiel muss sein – „grünes Licht“ für erste Inszenierungen auf der fertigen Bühne gibt.

Der sich ankündigende Spielgeist der WFLB steckte auch die direkte Nachbarinsel an, den sich oberhalb der Bühne befindlichen, multifunktionellen Carport. Er war gleichzeitig Info-Point, upgecycelte Sofaecke (aus Holzpaletten und alten Teppichen) und Spielwiese der jüngeren Sommercamp-Teilnehmer. Hier wurde gekickert, gewürfelt und in der zweiten Woche sogar von Waldorflehrer Cornelius Ries aus Haan-Gruiten eigens eine Messerwurf-Station eingerichtet. Außerdem war dort allgemeiner Treffpunkt von z.B. den Wildkräuter-Sammlern unter Führung von Gesundheitsberaterin Gudrun Bernhardt und Förster Jan Gruber, die täglich vormittags in die anliegenden Wiesen und Wälder ausschwärmten, um für das Mittagessen gesund-bunte Köstlichkeiten wie Brennnesselsamen, Giersch, Kleeblüten und viele weitere lokale Kräuter zu sammeln. An einem Freitag verwandelte sich der Carport darüber hinaus sogar kurzweilig in eine Schmiede, als Werner Wierich dort Amboss und Gebälg aufbaute, um den Sommercampern unter fachmännischer Begleitung die Möglichkeit einzurichten, mal etwas anderes als nur Pläne zu schmieden.

Eifrig handwerklich getüftelt wurde auch rund um „das Häuschen/ die Finca, einem ehemaligen Einfamilien-Haus direkt neben der SGT, das derzeit zum Lernort-Häuschen umgebaut wird. Hier konnte man die brandneue Küche des Sommercamps finden, die unter der Leitung von Uwe Ledermann und Manfred Schreiter zuvor extra eingerichtet worden war. Foodsharing Botschafter Marcus Wöll aus Offenbach schwang hier während der ersten Woche den Kochlöffel (mit Unterstützung zahlreicher Schnippler) und kredenzte leckere Gerichte aus geretteten Lebensmitteln von Foodsharing und frischer Demeter-Ware. Für die zweite Woche gab es keinen offiziellen „Chefkoch“, ein weiterer weißer Fleck also, dem das Sommercamp dank fleißiger Freiwillger wie Khaled Shehadeh oder Janina Sous z.B. ein original syrisches Abendessen und Flammkuchen (in vegetarischer, veganer und glutenfreier Variante) zu verdanken hatte. Nächstes Jahr werden an dieser Stelle hoffentlich frische Brote und Pizza für die Sommercamper gebacken, denn in einem der vielen Workshops wurde die kompletten zwei Wochen hindurch und darüber hinaus dank der fachmännischen Leitung von Heinrich Rodarius ein Brotbackofen direkt auf der Terrasse der Finca gebaut. Dafür hatte Heinrich eigens eine Steinschneidemaschine mitgebracht, die zwar zu Anfang des Sommercamps bei einigen arge Ohrenschmerzen verursachte, aber dank Ohropax und besser geplanter Arbeitszeiten dann doch noch Akzeptanz fand und spätestens beim ersten frisch gebackenen Leib Brot gänzlich vergessen sein wird.

Viele weitere Workshops und Vorträge, u.a. auch dank der INWO (Inititative für Natürliche Wirtschaftsordnung) fanden statt. Ob man nun Yoga machen oder über TTIP und Freigeld erfahren wollte, Urtinkturen herstellen, sich in Begegnungen üben, Theater spielen, Handstand lernen, Postkarten upcyceln, Meridianes Stretching durchführen oder oder oder. Die Workshopliste war lang und wurde mit jedem verstichenem Tag länger, da immer wieder neue spontane Angebote der Besucher eintrudelten wie z.B. Schuhplattler mit Roy aus Florida (!). Er war einer von mehreren internationalen Helfern, die über die Plattform workaway.info auf das Sommercamp aufmerksam geworden sind. Ein wichtiger Ort für viele dieser Workshops und spontanen Ideen war eine weitere Insel des Sommercamps, nämlich der Gabriele-Frenking-Saal, der muschelförmige Tagungsraum der SGT, von allen daher nur „die Muschel“ genannt. Hier fanden tagsüber Workshops und Vorträge statt und abends wurde darin für Auftritte geprobt oder es gab Konzerte. Konzerte waren anfangs übrigens nur eines, nämlich zum Bergfest geplant. Das Weißer-Fleck-Prinzip bescherte dem Sommercamp dann aber tatsächlich fünf. Stimmungsmagier Christoph Vallen brachte unter seinem Freebirds Motto „When I is replaced with We, then Illness becomes Wellness“ hochkarätige Musiker zum Sommercamp, wie z.B. Genna & Jesse, ein „Nomadic Folk Duo“ aus den USA, T.S. Steel, einen sympathischen Blues-Piraten aus Pennsylvania oder Karl Scott aus den UK, einen Liedermacher, der gern an Lagerfeuern spielt.

Und drum herum um diese Hauptinseln des Sommercamps gab es dann noch viele weitere kleine Treffpunkte, wie z.B. den Familienzeltplatz im Garten der Nachbarn der SGT, bei Kai Schmidt, Chris Jarmuschewski und ihrem Sohn David, wo rund herum um Apfelbäume, eine Schaukel und ein Trampolin eine Spiel- und Ruheoase für Familien geschaffen und sogar spontan einige Workshops wie Handstand üben oder Yoga durchgeführt wurden. Dann gab es da noch die Lehm-Rotunde im Wald, die bereits letztes Jahr von Egon Hauck begonnen und dieses Jahr von Lehmexperte Andreas Wunderlich weitergeführt und ordentlich verputzt wurde. Hier konnten herrliche Schlammschlachten stattfinden und große wie auch kleine Hände gemeinsam anpacken. Haus-Imker Willi berichtete zudem jedem Interessierten von „seinem Schwarm“, bzw. seinen Schwärmen, denn mittlerweile sind es bereits mehrere Völker, die er rund um die SGT angesiedelt hat und von deren emsigen Treiben er berichten kann.

Schätzungsweise um die 200 Menschen waren während des Sommercamps da und gestalteten den Inhalt so facettenreich und bunt wie seine Besucher. Es in Worten aus nur einem Mund zu fassen, scheint nicht ausreichend. Weshalb Michael Bonke von sunpod.de, der gleich mehrere Workshops wie z.B. Solarkocher bauen und das Minuto-Spiel angeboten hatte, den Versuch wagte, das Sommercamp auf besondere Art und Weise zu dokumentieren, nämlich indem er  einige seiner Besucher interviewte. Auf seinem Youtube-Channel SolarGourmet gibt es weitere Gespräche anzuhören, hier ein ausgewähltes mit Meik Schöping, der u.a. bei Sea Shepherds aktiv ist und gerade aus einem längeren Aufenthalt mit NGOs in Griechenland zurückgekommen war:

 

Und wer noch mehr wissen will, der komme im nächsten Jahr einfach vorbei oder erkundige sich nach dem Lernort Wuppertal, quasi dem großen Bruder des Sommercamps. Denn spätestens im Sommer 2017 wird es wieder viele weiße Flecken zu erkunden und dabei Erstaunliches zu entdecken geben!

Wer dieses und weitere Projekte rund um das Sommercamp, die WFLB und den Lernort unterstützen möchte, der findet am Ende des Artikels in der Humanen Wirtschaft 05/2016  sämtliche Infos darüber, wie und wobei er helfen kann, werde Steinpate oder spende gern direkt an:

Spendenkonto des FJvD:
Freiwirtschaftlicher Jugendverband
Deutschland e. V.
Projektbezogene Spende durch Angabe des
Verwendungszwecks:
Spende Lernort Wuppertal
und des jeweiligen Spendestichwortes an:
Sparkasse Hilden-Ratingen-Velbert
BLZ: 33450000 Konto-Nr.: 26357251
IBAN: DE58334500000026357251
BIC: WELADED1VEL

Ein Gedanke zu „Vom weißen Fleck zur Inselkette – Rückblick auf das Sommercamp 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*